KMU-Blog

Weblog für Kleinunternehmer und Mittelständler

Blog-Track und Trackback, FRoSTa  |  Strategische Vorteile durch Vertragshoheit

Kollision der Sprachräume

Eintrag abgelegt unter: Kommunikation — silkester at 10:44 am on Mittwoch, November 23, 2005

Kein Mensch käme auf die Idee in der berühmt berüchtigten Bosch-Kantine dem Schorsch und dem Egon zu verbieten, in der Nachtschicht sich derbe Witze zu erzählen. Schon wenn der selbe Schorch und der selbe Egon in der Spät- oder Tagschicht arbeiten, ändert sich deren Umgangston. Als ich vor vielen Jahren in den Semesterferien eine Spätschicht in der Boschkantine erleben durfte, hörte ich das erste Mal richtig derbe Witze und leider war ich nicht so klein wie eine Maus, denn als die Kollegen das jungel Mädel (also mich) bemerkten, entschuldigten sie sich für die derben Witze und ich musste trotz aller Versicherung, dass es mir nichts ausmache, auf weitere Witze verzichten (Was habe ich das damals bedauert.). Ich gehörte nicht in das Umfeld, konnte meinerseits keine derben Witze erzählen und störte somit den dort sonst üblichen Sprachgebrauch.

Als nun vor einigen Tagen das Mittelstandblog sich positionierte, da verschwommen die Sprachräume und in der pauschalen Verurteilung stellt dieser Beitrag eine Beleidigung dar. Ich setzte mich auf meine Hände, als ich es bemerkte. “Nur nichts dazu schreiben!” dachte ich bei mir. Der Begriff “Schwanzvergleich” wird in den privaten Blogs gebraucht. Auch wenn diese privaten Blogs nicht immer sauber von Businessblogs zu unterscheiden sind, so ist es doch ein anderes Umfeld und eine andere Sprache, die sich diese Autoren leisten und leisten dürfen.

Der Autor behauptet ja in den Kommentaren und an anderer Stelle, dass er nicht beleidigen und provozieren wolle. Ich weiß nun nicht, was ich hierbei schlimmer finden soll, dass

  • der Journalist Jannot kein Gefühl für Sprachräume hat?
  • (wenn er dieses Sprachgefühl doch hat) auf billige Weise provoziert und seine Integrität mit Füßen tritt?
  • überhaupt in dieser Form mit dem Mittelstandsblog sich abgrenzen will.

Bei der Adaption von neuen Publikationsform verlieren sich schon einmal die Trennschärfen oder verwischt diese ganz bewusst. Nichts desto trotz sollte man bedenken, dass ein _Klick_ weiter ein anderer Raum, ein anderer Autor und ein ganz anderer Umgangston herrscht. Welchen Umgangston man pflegen möchte, bestimmt man weitgehend selbst, in dem man sich auf dieses oder jenes Niveau begibt. Das dümmste was man machen kann, ist sich im Netz im Ton zu vergreifen. Im Internet gibt es ein Gedachtnis, das noch nach Jahren frei zugänglich ist und einem immer wieder um die Ohren knallen kann.

Hitzige Debatten führen ist nicht das Problem, aber nicht zu wissen, wen man adressiert und ob das denjenigen überhaupt interessiert, schon. Die Zielgruppe Unternehmer interessiert es nicht, ob ein paar Blogger eine Statistik über deren Popularität “Schwanzvergleich” nennt. Warum also zerrt Herr Jannot diese Gruppe ins Bild (Zumal er eine Statistik für seine Recherche nimmt, die genau jene zählt, die einen solchen Vergleich wünschen und den Begriff “Schwanzvergleich” hierfür witzig findet. Wer kein Script einbaut, wird von Blogcounter nicht wahrgenommen. Wer in einer Liste überwiegend privater Blogs sucht, wird dort überproportional viele private Blogs finden. Es ist also eine der schlechtesten Statistiken, die man heranziehen kann, um sich der Blogosphäre zu nähern. Aber das will man mit dem Beitrag nicht. Man kanzelt lieber alle in Bausch und Bogen ab und hebt sich selbst auf die Bühne als “das Mehrwertblog”. Wenn also im ersten Satz Polemik angeprangert wird, was versteht Herr Jannot darunter und wie bezeichnet er seinen eigenen Beitrag?

Ist das die Qualität die der “Mehrwert-Blog” zu bieten hat? Ich kann nur hoffen, dass es ein einmaliger Ausrutscher bleibt. Es wäre schade, denn so eine Presseschau ist immer ganz nützlich und kann eine Berreicherung sein. Ob man den versprochenen Mehrwert wird bieten können, zeigt die Zukunft. Den Anfang hat man sich jedenfalls schwer gemacht. So mancher schaut erst gar nicht mehr vorbei. Die Vernetzung der Weblogs durch Permalinks (Siehe Guest Writer Simon Waldman: The Importance of Being Permanent) kann sich gegen einen wenden, oder verhilft zu einer großen Popularität. In der Blogsphäre vereint man dutzende, hunderte Zeiger (Links), die von Güte der Links oder des Beiträges berichten, wenn man es richtig anstellt.


weitere Artikel zu:

Eintrag abgelegt unter: Kommunikation

(Wer sagt es als erster?)